Das Aqua Alparopa

 


Es klingelt an der Haustüre. Mary, meine beste Freundin, überrascht mich mit einem Besuch. Nach einer herzlichen Begrüssung setzt sie sich auf den bequemen Sessel beim Kamin. Mary wirkt bedrückt. Ich bringe ihr eine Tasse Kaffee und frage sie, was sie beschäftigt. „Ich muss dir etwas Seltsames anvertrauen, weil ich sicher bin, dass du die einzige Person bist, die es niemandem weiter erzählt“, sagt sie. Ich setze mich zu ihr und höre ihr interessiert zu. Mary fängt leise an zu erzählen.

Meine Geschichte ist mysteriös und für dich vielleicht unglaubwürdig. Nachts habe ich öfters Erlebnisse, die sich irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit abspielen. Ich fürchte mich davor, weil sie sich so real anfühlen. Ich selber bin dort benommen, und die Leute um mich herum oft verwirrt. Letzte Nacht suchte mich ich wieder ein solches Ereignis heim. Wie üblich begann die Geschichte mit starken Kopfschmerzen beim Einschlafen. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand eine Ohrfeige gegeben. Meine Glieder versteiften sich. Danach hatte ich einen kalten Körper und konnte fast nicht mehr atmen. Ich bemerkte, dass ich auf einer Wiese sass. Weil sie sumpfig war, stand ich auf und kam zu einem Schwimmbecken. Schlaftrunken, wie ich war, fiel ich hinein und landete im Wasser. In diesem gab es zwar Luft, aber sie war sehr dünn und ich konnte kaum atmen.

Mary nimmt einen Schluck Kaffee, räuspert sich und erzählt weiter. „Und dann begann das Erlebnis in der Unterwasserwelt. Es gab dort verschiedene, zum Teil blutverschmierte Rutschbahnen, die zu einem grossen Einkaufszentrum führten. Dort traf ich Mr. Smith den ich schon aus früheren Begegnungen kannte. Weil ich kaum Luft bekam, beatmet er mich. Dann fragte er: 'Mary, was machst du hier unten? Wir müssen von hier verschwinden.' 'Mr. Smith, ich bin beruhigt, Sie hier zu treffen. Ich fürchte mich und wäre froh um Ihre Hilfe.'

Das Einkaufszentrum, das vor uns stand, sah eindrücklich aus, aber auch seltsam. Vor einem Laden wucherte eine mächtige Pflanze. Zwischen den Blättern hindurch sah man ins Schaufenster, es war leer, und das Geschäft verlassen. Leute hatte es dort keine, nur bei den Unterwasserhotels. In einem dieser Hotels hatte Mr. Smith an der Rezeption einen kleinen Job angenommen.“

He Mary, du wirkst beim Erzählen ein bisschen nervös. Verrate mir etwas mehr über diesen Mr. Smith und die geheimnisvolle Unterwasserwelt.“

Was ich dir über Mr. Smith erzähle, ist etwas seltsam. Bei unserer Begegnung ist er immer sehr zuvorkommend, führt sich aber ab und zu wie ein Macho auf. Mr. Smith existiert auch in der realen Welt. Ich kenne ihn zufällig aus einer Community im Internet, und von seinen Auftritten im Fernsehen. Im wirklichen Leben habe ich keinen persönlichen Kontakt mit ihm gehabt, ausser bei einem Gespräch per Videotelefonie. Er ist ein wichtiger und bekannter Politiker. Doch in der Unterwasserwelt weiss er nichts über seine Identität.

Ich fürchte mich ein bisschen in dieser Unterwasserwelt. Vielleicht möchtest du auch wissen, wie dieser Ort heisst. Im Hotel hängt ein Schild, worauf geschrieben steht: „Das Aqua Alparopa“. Mehr werde ich nicht verraten, irgendwann kommst du selber darauf, welche Bedeutung dieser Name hat.

Doch zurück zu meinem gestrigen Erlebnis: Mr. Smith war etwas verwirrt. Er führte mich durch das Gewässer zu einer Ruine. Alles sah unheimlich aus. Fundamente verrieten, dass hier einst eine Stadt gestanden hatte. Unser Gehweg war kaputt, wir gingen aber trotzdem darüber. Mr. Smith hielt mich an der Hand. Auf dem Weg zurück zum Hotel trafen wir auf ein verwahrlostes Mädchen, das am Boden sass. Es hatte schmutziges Haar, wirkte traurig und stammelte komische Worte. Ich fiel auf ihre gespielte Notlage herein und wollte mich um das Kind kümmern. Ich bat Mr. Smith, ihm zu helfen. 'Wir müssen dem Mädchen, etwas zu trinken besorgen, es bettelt um Flüssigkeit.' Mr. Smith machte mich darauf aufmerksam, dass ich das Kind nicht anfassen dürfe, weil es ein Dämon sei. Das Mädchen mache Zeitreisen durch die Unterwasserwelt. Es könne sich kopieren. Er habe es schon gleichzeitig an verschiedenen Orten angetroffen. Besonders gerne halte es sich aber im Thermalbad auf. Ich selber versuchte das Thermalbad zu meiden, zwar hatte es dort viele Rutschbahnen, doch eine davon war gefährlich. Sie führte steil hinunter zu einem Shredderrad und dann in ein stinkendes und dampfendes Schwefelbad. Ausserdem waren die Umkleidekabinen dort sehr schmutzig. Ich getraute mich nicht an diesen Ort. - Aber Mr. Smith zog mich trotzdem dorthin. Plötzlich bemerkte ich, dass ich meine Kleider verloren hatte und ganz nackt war. Mr. Smith lachte sich krumm, statt meine Kleider suchen zu helfen.“

Oh Mary, du tust mir leid. Kannst du dort als nackte Frau auf einer Toilette pinkeln gehen?“ Mary nimmt wieder einen Schluck Kaffee und antwortet: „Nein, zum guten Glück muss man dort nicht urinieren. Und ich bin froh, dass Mr. Smith meine nackte Haut im Aqua Alparopa nicht anfassen konnte.

Als ich den Fahrstuhl im Hotel benutzen wollte, stieg ein Junge mit blassem Gesicht aus. Er hatte halblange, dunkelbraune Haare, war ungefähr acht Jahre alt und sprach so schnell, dass ich als einziges Wort nur 'Samir' verstand. Vermutlich war das sein Name. Mr. Smith ignorierte jedoch den Knaben.“

Wow Mary, deine Geschichte wird immer interessanter. Aber da habe ich zwei kleine Fragen an dich. Läufst du im Hotel auch nackt herum? Und was sagt Mr. Smith dazu?“ Mary schwärmt: „Mr. Smith ist mein absolutes Herzblatt, er weicht nicht von meiner Seite. Er begleitet mich überall hin. Mr. Smith hat wunderschöne blaue Augen und bringt meine Gefühle etwas durcheinander. Er ist kleiner als ich, aber er hat eine charmante Art. Er kann mich immer so süss anlächeln! Ich habe ihm beim letzten Mal einen Kuss auf die Wange gepresst. Und zu deiner ersten Frage: Nein, im Hotel bin ich nicht nackt, nur im Thermalbad, dort kann ich meine Kleider nicht finden. Und Sex gibt es dort keinen, wie gesagt, Mr. Smith kann mich dort nicht anfassen.

Als ich im gestrigen Erlebnis mit Mr. Smith das Hotel verlassen wollte, fing die Treppe an zu wackeln und krachte hinter uns zusammen. Ich hatte solche Angst, dass ich beinahe anfing zu kreischen.

Unter dem Kronleuchter in der Rezeption begannen Hotelbesucher bei schöner Musik an zu tanzen. Für mich und meinen Begleiter war die Musik zu laut, wir drängten uns durch die Menschenmenge und verliessen das Hotel. Die Strasse war schön farbig beleuchtet. 'Mary schau mal, dort am Strassenende steht eine Stadt.'

'Mr. Smith, ich weiss nicht, ob wir uns dort einfach sehen lassen dürfen. Das sind alles fremde Personen.' Mr. Smith wollte unbedingt diese Stadt besichtigen. Ich entschied mich doch noch mitzugehen. Die Stadt war wunderschön, die Wände der Häuser waren hellblau gefärbt. Als wir den Ort näher betrachten wollten, kam ein verwirrter Mann mit einem Bart auf uns zu. Er fand offenbar den Weg nicht mehr nach Hause und fragte andauernd Passanten nach seiner Strasse. Mr. Smith sprach den alten Mann an und fragte: 'Kann ich Ihnen, behilflich sein?' Der Mann fing an zu lächeln. Er erwiderte: 'Ja, ich kann mein Zuhause nicht mehr finden. Haben Sie ein Hotel mit grünen Wänden gesehen? Ich wohne dort, und nebenan steht eine Bar in der ich arbeite.' Mr. Smith wusste, wohin er den älteren Mann führen musste, er fragte: 'Wie ist Ihr Name? Ich weiss in welche Richtung wir gehen müssen.' Der verwirrte Typ stellte sich vor: 'Damit ich es nicht vergesse, mein Name ist Jambalos, Besitzer des Hotels Moosenflach.' Ich war erstaunt, dass dieser verwirrte Typ ein Hotelier war.“

Haha, Mary, Moosenflach, so ein seltsamer Name. Und diesen Jambalos finde ich etwas mysteriös. Du musst mir erzählen, welche Rolle er in deinem Erlebnis spielt.“ Mary nimmt den letzten Schluck Kaffee und erzählt ihre Geschichte zu Ende. „Die Antwort auf deine Frage ist etwas kompliziert. Aber ich erzähle gerne davon. Das Hotel trug den Namen Moosenflach, weil es eine grosse bemooste Veranda hatte, auf der viele bunte Liegestühle zum Ausruhen waren. Überhaupt war das Hotel, das über dem Einkaufszentrum stand, recht luxuriös. Ich sah dort Personen, die ich im realen Leben kenne. Ich ging aber nicht auf sie zu, weil sie mich nicht mögen.

Von der Veranda aus sah ich Kinder auf einer Wiese Fussball spielen. Der Ball sah aus wie eine Wassermelone, ich musste lachen, als ich die Jungs beobachte. Plötzlich hörten wir eines der Kinder um Hilfe schreien. Ich stand vom Liegestuhl auf und wollte helfen gehen. Mr. Smith mischte sich ein: 'Mary, du darfst da nicht hingehen. Wir wissen nicht, ob das echte Kinder sind oder Dämonen.' Er griff nach meiner Hand und zerrte mich zur Seite.

Irgendwie kam mir Mr. Smith seltsam vor. Er fasste sich an den Kopf und fing an zu jammern: 'Mary, ich habe Kopfschmerzen. Ich brauche ein Hotelzimmer mit einem bequemen Bett.' 'Mr. Smith, ich weiss nicht, ob wir einfach ein Zimmer besetzen dürfen. Wir sind hier nur zu Besuch bei Jambalos.' Da seine Schmerzen immer stärker wurden, entschied ich mich, Jambalos zu rufen. Plötzlich hatte auch ich Kopfschmerzen. Jambalos hatte mit uns Erbarmen und führte uns zu einem Zimmer, das am Ende des Flurs lag. Wir betraten das Zimmer und standen vor einem schmutzigen Kajütenbett, und das in diesem luxuriösen Hotel. Ich war genervt, dass es kein normales Bett war.

Mr. Smith konnte sich plötzlich erinnern, welchen Beruf er im realen Leben ausübt. Er sagte: 'Mary, ich muss dringend aufwachen. Ich liege in Wirklichkeit in meinem Bett, in der Nähe des Büros. Ich muss fit sein für heute, weil eine wichtige Geschäftssitzung bevorsteht.' Ich erwiderte: 'Nein, mein Liebling, du darfst mich nicht einfach im Stich lassen. Ich will auch aufwachen.' Ich war ganz verzweifelt und fing an zu weinen. Mr. Smith küsste mich und griff in meine Haare. Er tröstete mich und versprach mir zu helfen, damit ich auch aufwache. Mir wurde alles sehr unheimlich, und ich wollte unbedingt das Aqua Alparopa verlassen. Mr. Smith half mir herauszufinden, wie wir zurückkehren könnten. Auf einmal sah ich im Badezimmer eine Pfütze. Ich sagte zu ihm: 'He, ich vermute, dass wir durch dieses Gewässer gehen müssen, um aufzuwachen.'

Im Badezimmer fing der Boden an zu zittern und zu knarren. Es wurde immer lauter und fühlte sich bald wie ein Erdbeben an. Die Pfütze trocknete aus, und an den Wänden gab es Risse. Nun wurde mir bewusst, dass es einen anderen Weg geben musste, um aufzuwachen. Mr. Smith kam auf die Idee, dass unser Erlebnis vielleicht endet, wenn wir uns im Kajütenbett aufeinander legen. Ich war mit dem Vorschlag einverstanden und kletterte auf die obere Etage. Mr. Smith folgte mir und legte sich auf mich.

Wir lagen jetzt schon mehrere Minuten still aufeinander und befanden uns trotzdem noch im Aqua Alparopa. Ich fühlte mich ein bisschen genervt und wollte mich wegdrehen. Mr. Smith fing an zu grinsen und liess mich nicht los. Doch da krachte das Bett zusammen, und wir landeten mitsamt der Matratze am Boden. Ich sage zu Mr. Smith: 'Lassen Sie mich endlich los, wir sind ja immer noch hier.' Ich sage dir, es war zum Verzweifeln.“

Ich unterbreche Mary, weil mir die Geschichte unheimlich vorkommt. „Hm, und das hat sich alles unter Wasser abgespielt?“ Mary nickt, nimmt ein Taschentuch und wischt sich die Tränen vom Gesicht. Dann verrät sie, wie sie aufgewacht ist.

Mr. Smith fiel auf, dass wir in noch immer auf der Matratze lagen, allerdings in einem Zimmer in der unteren Etage. In der Decke war ein grosses Loch zu sehen. Wir waren mitsamt der Matratze durch die Decke gekracht. Mr. Smith lächelte mich an und sagte: 'Mary, vielleicht wachen wir auf, wenn ich dich küsse.' Als er das sagte, wurde ich ganz verlegen. Ich stimmte aber zu, und er legte sich wieder auf mich. Wir fingen an zu knutschen. 

Doch plötzlich wachte ich auf. Ich lag in meinem Bett, ganz erschöpft. Es war wie immer, wenn ich aus solchen Erlebnissen erwache, ich hatte Schmerzen, mein Körper war ganz kalt, und die Glieder steif. Ich hatte Atemnot und hoffte nur noch zu überleben.“

Mary, jetzt bin ich sprachlos. Das hört sich an, als wärst du irre. Lässt du dich bei einem Psychiater behandeln, oder hast du mich angeschwindelt?“ Mary schreit hysterisch: „Aber es ist die Wahrheit, ich habe mein Erlebnis nicht erfunden. Diesmal ist sogar etwas Unheimliches geschehen. Heute morgen, also nach dem gestrigen Vorfall hat sich Mr. Smith über Videotelefonie bei mir gemeldet. Er hat vor der Kamera etwas gestresst gewirkt. Ich musste ihm versprechen, niemals im Internet über das Erlebnis zu berichten.“

So Mary, das reicht, ich habe genug von deinem Märchen gehört. Du bist müde, geh nach Hause, draussen fängt es an zu dämmern.“

Mary verlässt meine Wohnung und knallt die Türe hinter sich zu.


Kommentare

  1. Interessante Story. Endet leider apprupt. Guter Ansatz. Auflösung fehlt

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  2. Wow, das wird spannend :) ich habe es kurz Angelesen, und freue mich auf die Geschichte der unterwasserwelt. Semde dir Grüsse, Ra*** <3 :)

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